Go Back
Kolumne
Muss ich schreien, um gehört zu werden?
Episode
Date
December 30, 2025
Autor:in
Rosa Schmidt
Duration
6 Minuten
Rosa ist Gründerin von DEFEM, einer Agentur für strategisches Storytelling, die Deeptech-, Impact- und Spacetech-Unternehmen dabei unterstützt, technische Produkte verständlich zu kommunizieren und kommerziell umsetzbar zu machen.

Ihre Arbeit verbindet technologische Tiefe mit kultureller Relevanz mit dem Ziel, nicht nur Märkte zu erschließen, sondern auch die öffentliche Wahrnehmung mitzugestalten. Mit einem Master der LSE zur Rolle von Emotionen in gesellschaftlichen Dynamiken und Erfahrung darin, Marken aufzubauen, Strategien zu entwickeln und Kampagnen umzusetzen, arbeitet Rosa an der Schnittstelle von Technologie, Kommunikation und Kultur.

Euer Unternehmen steht vor ähnlichen Fragen? Ich freue mich über den Austausch. Schreibt mir gern an rosa@defemagency.com.

Episode

39

Über marken die bleiben

Muss ich schreien, um gehört zu werden?

Ich habe mich lange gefragt, warum wir eigentlich so oft schreien müssen, um gehört zu werden. Nicht im wörtlichen Sinn, sondern auf eine subtilere Art: schneller sprechen, präsenter sein, sich wiederholen, im richtigen Moment dazwischengehen. Ich habe das selbst oft genug gemacht. Nicht, weil ich nichts zu sagen hatte, sondern weil ich merkte, dass Gedanken, die nicht sofort anschlussfähig sind, im Raum versickern.

Wenn Lautstärke zur Voraussetzung wird

Lange glaubte ich, Lautstärke sei einfach Teil von Arbeit. Teil von Dynamik, von Reife, davon sich durchzusetzen. Heute glaube ich, es ist ein erlerntes Muster. Und eines, das uns mehr kostet, als wir wahrhaben wollen. Denn je länger man in solchen Räumen arbeitet, desto mehr verschiebt sich der eigene Fokus. Weg vom Denken, hin zur Platzierung. Weg vom Inhalt, hin zur Wirkung.

Viel Bewegung, wenig Tiefe. Viel Selbstoptimierung, wenig Selbstreflexion.Nervig.

Man beginnt, Energie darauf zu verwenden, sichtbar zu bleiben, statt wirksam zu sein. Liest die Stimmung, antizipiert Reaktionen, optimiert Aussagen, glättet Kanten.

Die stille Rechnung im Raum

In meiner Arbeit, in Meetings, in Workshops, in kollaborativen Prozessen, sehe ich dieses Muster ständig. Menschen sind nicht still, weil sie nichts zu sagen haben. Sie sind still, weil sie rechnen. Die Rechnung lautet: Was kostet es mich, das jetzt zu sagen? Kostet es Energie, mich zu erklären? Kostet es Sympathie, weil ich den Fluss störe? Kostet es Position, weil ich nicht eindeutig bin?

Zurückhaltung wird zur vernünftigsten Option. Und Argumente, die wirklich wichtig sind, werden als irrelevant abgestempelt, bevor sie die eigenen Lippen berühren.

Was wir längst wissen, und was es noch frustrierender macht

Studien zu Meeting-Dynamiken und Gesprächsverhalten zeigen seit Jahren, dass bestimmte Stimmen systematisch häufiger unterbrochen werden und dass Beiträge im Nachhinein anderen zugeschrieben werden. Das betrifft Frauen, ja, aber genauso auch jüngere Mitarbeitende, introvertierte Persönlichkeiten oder Menschen ohne formale Macht. Eigentlich ein alter Hut.

Umso frustrierender ist, dass diese Erkenntnisse längst Teil des öffentlichen Diskurses sind und sich trotzdem so wenig verändert. Wer Status, Lautstärke oder Tempo mitbringt, wird gehört. Wer zögert, differenziert oder erst denkt, verliert Raum.

Lautstärke wird belohnt, Nuance nicht. Schnelligkeit gilt als Kompetenz, Zögern als Schwäche.

Wie soll da noch Qualität entstehen, wenn es immer nur darum geht, besser als die andere Person auszusehen (und nicht zu sein)? Man sitzt am Tisch, aber nicht wirklich.

Wenn Optimierung Reflexion ersetzt

Was mich daran zunehmend irritierte, ist nicht nur die strukturelle Ungleichheit, sondern die innere Anpassung, die daraus folgt. Man wird besser im Mitspielen. Und merkt irgendwann, dass man sich selbst dabei leise übergeht. Optimierung ersetzt Reflexion. Funktionieren ersetzt das Wahrnehmen.

Man sitzt am Tisch, aber nicht wirklich.

Mit dem Unbehagen sitzen bleiben

Um gehört zu werden, muss man den Mut haben, aus der Reihe zu tanzen und mit den unangenehmen Gefühlen zu sitzen, die daraus entstehen. Mit dem Gefühl, gerade nicht dazuzugehören. Mit dem Moment, in dem niemand sofort reagiert. Mit der Möglichkeit, falsch gelesen zu werden.

Wer diese Stille nicht aushält, füllt sie. Wer sie aushält, verändert den Raum.
Und somit sein eigenes im wahrsten Sinne des Wortes: Selbstbewusstsein.

Was ich im Ring gelernt habe

Ich habe das im Boxtraining deutlicher gelernt als in jedem Meeting. Wer ohne Plan in den Ring steigt, wird überrannt. Weil kein Raum gesetzt wird. Gleichzeitig verliert man Energie, wenn man permanent angreift. Stärke entsteht dort nicht durch Dauerpräsenz, sondern durch Rhythmus, Klarheit und Bewusstsein.

Nicht jede Situation verlangt Lautstärke. Aber jede verlangt Bewusstsein.
Und eben auch Präzision, die man sich selbst erarbeitet hat und erfährt.

Anzeige Wir suchen zukünftige Gründer:innen & Selbstständige, die ihren Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein (AVGS) einlösen wollen, um in vier Monaten in Gründung oder Selbstständigkeit zu starten mit erfahrenen Gründer:innen. Hier mehr erfahren
Praxis

In der Praxis heißt das für mich heute etwas sehr Konkretes. Ich sage Dinge einmal. Nicht dreimal.

Ich lasse Pausen stehen, auch wenn sie sich schief anfühlen.

Ich beobachte genau, wo ich mich selbst beschleunige.

Und ich stelle mir regelmäßig die unbequemste aller Fragen: Sitze ich hier wirklich? Oder bin ich nur funktional anwesend?

Das alles versuche ich oft mit bewussten Meetings, bewussten 1:1s und schreibe mir all meine Argumente auf Papier, strukturiere sie in Problem, Beispiel und Lösungsvorschlag. Ich nehme das Zepter in die Hand und entscheide, wie ich mich positioniere: durch Transparenz, Fairness und genügend Reflexion oder wie es im Boxen heißt: Hit and don’t get hit. Intention ist alles.

Schreien oder gehen?

Die Freiheiten, die wir haben, müssen nicht erkämpft werden. Sie müssen erkannt werden. Wie lange hat man versucht, einer Gruppe anzugehören, um herauszufinden, dass man nie dazugehören wollte.

Und manchmal beginnt genau dort etwas Neues: in dem Moment, in dem man sich selbst zuhört, auch wenn es unbequem ist.

Ein Gedanke für 2026

Und das, liebe Community, gebe ich mit für das Jahr 2026 und ein paar Fragen, um das für euch selbst zu beantworten:

  • Was treibt mich wirklich an?
  • Warum hat mich diese Situation tief verletzt?
  • Welche Situationen haben mich dieses Jahr glücklich gemacht und warum?
  • Welche Person möchte ich 2026 werden?

mehr Kolumnen

Durch Fragen Verantwortung zurückgeben
Bin ich als Gründerin meine eigene schlimmste Chefin?