
Kreativität ist für Carina Frings keine Frage des Berufs – sondern eine Lebensentscheidung. Als studierte Designerin denkt sie Gestaltung weit über das Visuelle hinaus: Worte sind Design, Schrift ist Gestaltung, und jede:r kann kreativ sein – wenn man sich dafür entscheidet. Schon während ihres Studiums entschied sie sich gegen den klassischen Karriereweg und gründete ihr erstes Unternehmen. Aus einer kleinen Skizze auf Papier wurde ein preisgekröntes Bilderbuch-Startup. Sie gewann Förderpreise, überzeugte Investor:innen bei Die Höhle der Löwen, und aus einem einfachen Prototypen wurden über 250.000 verkaufte Produkte.
Doch zu jeder guten Geschichte gehört auch ein Wendepunkt. Carina kennt beide Seiten der Gründung – vom gefeierten Startup bis zur Insolvenz. Darüber spricht sie heute offen. Denn über 70 % der Startups scheitern – nur kaum jemand spricht darüber. Was sie damals am meisten vermisst hat? Einen offenen Austausch, ein Gegenüber mit Verständnis und Erfahrung. Heute arbeitet Carina als Coachin für Gründer:innen – besonders dann, wenn es schwierig wird. In ihren Texten schafft sie Raum für Themen wie finanzielle Ängste, Scheitern, emotionale Achterbahnen – und das, was danach kommt. Sie schreibt, was sich viele nicht trauen auszusprechen – und gibt damit nicht nur dem Thema Insolvenz, sondern auch der Verletzlichkeit eine Bühne.
Episode
25
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Positiv scheitern
Wie Finanzsorgen meine Gesundheit auf die Probe stellten
Ich hoffe, ihr genießt den Sommer – mir hingegen schmeckt der erste Tag zurück in Deutschland gerade nicht nach Capri-Eis, sondern eher nach grauem Himmel und Regen. Doch genau deshalb nutze ich diesen Moment, um euch mit ein paar zeilenorientierten Sonnenstrahlen ein wenig Licht in die Woche zu bringen. Denn ganz ehrlich, ihr Lieben: Auch wenn viele behaupten, Remote Work könne nicht funktionieren, erlebe ich es ganz anders. Ich liebe und lebe ortsunabhängiges Arbeiten seit Jahren – nicht etwa, weil ich ständig mit dem Laptop am Pool sitze (mal ehrlich, wer macht das wirklich? sondern weil mich Bewegung auf mehreren Ebenen und der Austausch mit anderen Kulturen inspiriert und meine Arbeit sowie mein Leben dadurch besser macht. Heute aber möchte ich nicht vom Sommer oder vom Reisen sprechen, sondern von einem Thema, das viel schwerer wiegt, oft unsichtbar bleibt und dennoch tagtäglich viele Menschen belastet: Finanzielle Sorgen machen krank, und ich spreche dabei nicht aus einem Coachingbuch heraus, sondern aus meiner eigenen Erfahrung.
Wenn Geld krank macht
Es gab eine Zeit, da schien alles perfekt zu laufen – zumindest nach außen hin –, was ich auch oft von anderen zu hören bekam. Das bestärkte mich nur noch mehr in meinem Tun: strukturierte Routinen, voller Fokus auf den Job, abends Networking, am Wochenende Startup-Projekte, nebenbei ein Studium, dazu die Vorzeigestudentin – und zwischendrin die lange Partynacht, denn ich war jung und Mitte 20. Ich funktionierte – immer. Ich war stolz auf mein Durchhaltevermögen und glaubte fest daran, dass mich nichts umhauen könne. Ich war ein Arbeitstier, und genauso nahm mich auch mein Umfeld wahr: als unkaputtbar und als die, die alles schaffen konnte. Ich hatte sogar das Gefühl, ich bekam dafür Applaus. Doch geprägt von diesem Hustler-Leben, das ich heute kritisch sehe – ein typisch deutsches Problem, Arbeit über alles zu stellen –, kam ein neuer Faktor hinzu: finanzielle Sorgen. Es veränderte sich alles; ich rutschte fast unbemerkt in den sogenannten Überlebensmodus.
Was passiert im Überlebensmodus?
Der Überlebensmodus ist ein Zustand, in dem der Körper auf akuten Stress reagiert, als ginge es um blankes Überleben: Das autonome Nervensystem schaltet auf Alarm, der Körper schüttet Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin aus, Puls und Atemfrequenz steigen, und die Aufmerksamkeit fokussiert sich einzig und allein auf unmittelbare Gefahren – in meinem Fall Gedanken wie: „Wie zahle ich die nächste Miete?“ oder „Was passiert, wenn morgen der nächste Mahnbescheid kommt?“ Langfristige Planung, kreatives Denken und emotionale Verbindung werden vollständig heruntergefahren, denn im Überlebensmodus zählt nur das Jetzt. Wenn dieser Zustand nicht nur Tage, sondern Wochen oder gar Monate anhält, verwandelt sich akuter Stress in chronischen Stress, der sich durch Schlafstörungen, Kopfschmerzen, innere Unruhe und Konzentrationsschwierigkeiten bemerkbar macht, während der Körper dauerhaft im Alarmzustand verharrt (Wissenschaftlich belegt u. a. durch: McEwen, 2007; Harvard Health Publishing, 2020; APA, 2023)
Der Zusammenbruch
Dann kam der Tag, an dem nichts mehr ging und mein Körper die Notbremse zog, die ich viel zu lange ignoriert hatte. Ich konnte nicht mehr aufstehen, keinen Laptop mehr aufklappen, keine Projekte mehr vorantreiben und nicht einmal mehr ein Lächeln aufsetzen – ich blieb einfach tagelang liegen. Am Tag des Zusammenbruchs hatte ich die größte Angst davor, dass ich nichts mehr konnte. Was mich am meisten belastete und ich zutiefst bereute, war all das, was ich in dieser Zeit nicht getan hatte: Gespräche, die ich vermieden hatte, Momente, die ich verpasst hatte, und vor allem die Zeit mit mir selbst, die ich nicht wirklich gelebt hatte. Wie es die Forschung zu lang anhaltendem Stress beschreibt, zog mein Körper mit diesem Zusammenbruch die Notbremse – eine typische Reaktion nach einer Phase chronischer Überlastung, die sich in völliger Erschöpfung, körperlichem Zusammenbruch und emotionaler Taubheit äußert. Dieses „Stopp-Signal“ des Körpers ist ein unmissverständlicher Hinweis darauf, dass das System nicht länger belastbar ist und eine Pause dringend notwendig ist. In diesem Zustand fühlte ich mich abgeschnitten – von mir selbst, meinen Gefühlen und meinen Mitmenschen – eine Form der Depersonalisierung, die als Schutzmechanismus gegen den andauernden Stress wirkt (Selye, 1976; Gabor Maté, 2022).
Doch obwohl dieser Tag einer der dunkelsten in meinem Leben war, bin ich heute dankbar dafür. Mein Kartenhaus musste erst einstürzen, damit ich die Chance bekam, ein echtes, stabiles Fundament zu bauen. Ich verlor damals nicht nur mein Startup, sondern auch viele alte Vorstellungen von mir selbst. Doch ich bekam etwas viel Wertvolleres zurück: mich selbst – ganz nackt und unverstellt. Was damals wie ein Kontrollverlust erschien, entpuppte sich im Rückblick als einer der stärksten Momente meines Lebens. Der anschließende Reparaturmodus, wie er in Studien zum Stressmanagement beschrieben wird, begann langsam: Mein Nervensystem beruhigte sich, die Cortisolwerte sanken, und körperliche Symptome nahmen ab – ein Prozess, der sich oft über Monate oder Jahre hinzieht (American Institute of Stress; National Library of Medicine). Auf dem Camino habe ich dann wieder gelernt zu gehen – nicht nur im wörtlichen Sinn, sondern auch im übertragenen Sinne. Schritt für Schritt kehrte ich zurück zu einem bewussteren Umgang mit mir selbst, mit mehr Achtsamkeit und Selbstfürsorge. Diese Zeit half mir, mein Nervensystem zu regulieren und langsam zu heilen.
Dieser Wendepunkt ermöglichte mir eine tiefgehende Neubewertung meines Lebens: Was ist mir wirklich wichtig? Was fördert meine Gesundheit und mein Wohlbefinden – und nicht nur meinen Erfolg? So wurde aus dem Zusammenbruch ein Neubeginn, der mich stärker und klarer gemacht hat. Mein persönlicher Weg spiegelt die wissenschaftlichen Erkenntnisse wider und zeigt, wie wichtig es ist, die Signale des Körpers ernst zu nehmen und sich Zeit für Heilung zu geben (Selye, 1976; Gabor Maté, 2022; American Institute of Stress; National Library of Medicine).
Was ich gelernt habe
Was ich gelernt habe, lässt sich heute klar zusammenfassen: Ich nehme die Zeichen meines Körpers und die Symptome ernst – denn Leben steht für mich ganz eindeutig vor der Arbeit. Ein guter Freund hat mir mal gesagt: „Carina, ich mache nur noch Dinge, die geil sind.“ Und genau das versuche ich auch. Ich erfülle mir bewusst Dinge, die ich mir von ganzem Herzen wünsche, und habe eine Ruhe gefunden, die ich lange vermisst habe. Auch wenn ich manchmal den ganzen Tag nichts Produktives hinbekomme, ist das für mich völlig in Ordnung. Denn ich habe eine alte, neue Leidenschaft entdeckt: Das Schreiben ist mein neuer Ausdruck von Kreativität geworden. Das Schreiben hilft mir dabei, loszulassen und zu verarbeiten – ähnlich wie früher, wenn ich ein Bild gemalt habe. Dabei gilt: Alles darf, nichts muss. Ich komme trotzdem an mein Ziel, nur eben langsamer, dafür mit mehr Klarheit, mehr Ruhe und mehr Leben in mir.
Wenn du irgendwann spürst, dass du dich selbst nicht mehr spürst, wenn alles dumpf wird und du nur noch funktionierst, ohne wirklich etwas zu fühlen, dann warte nicht auf den Zusammenbruch. Denn dieser ist keine Schwäche – er ist ein Weckruf. Heute bin ich nicht mehr das Arbeitstier von früher. Es gibt gute Tage, aber auch Tage, an denen ich keine Energie habe, und das ist okay. Ich checke zwar täglich meinen Kontostand – manchmal sogar zu oft – und auch wenn ich mittlerweile schuldenfrei bin, kommen finanzielle Ängste immer wieder hoch, ausgelöst durch alte Muster. Ich arbeite daran, diese Ängste Stück für Stück loszulassen. Das ist ein langer Prozess, dessen ich mir aber bewusst bin.
Ich würde sogar sagen, ich spüre mich heute so sehr, dass ich das Gefühl habe, das Leben sendet mir auf einer anderen Energiewelle Zeichen – und ich nehme diese viel bewusster wahr als früher. Ich bin heute wieder feinfühliger, schüchterner und ruhiger – genau so, wie ich es als Kind war. Ich kann immer noch performen, aber ich kann den Performer-Modus auch bewusst pausieren und ablegen. Ich fühle, was ich tue. Wie wir wissen, kann der Reparaturmodus nach einem Zusammenbruch Jahre dauern – ein langer, oft langsamer Prozess der Heilung, den ich heute mit mehr Geduld und Achtsamkeit durchlebe.
Ich sage immer: Der Tag, an dem ich gefallen bin, war einschneidender als die Gründung meines Startups. Was danach kam – wie ich wieder aufgestanden bin – das erzähle ich euch beim nächsten Mal. Falls ihr Unterstützung beim Aufstehen braucht, kann ich euch schon jetzt eine Literaturempfehlung ans Herz legen: Charles Pépin, „Die Schönheit des Scheiterns“. Das war genau das, was ich damals brauchte.